S.E. Kairat Sarybay, Botschafter der Republik Kasachstan: Die vergangenen Wochen waren für alle von uns eine Herausforderung und eine Belastungsprobe

Wir haben die Botschafterinnen und Botschafter der diplomatischen Gemeinschaft in Wien befragt, um herauszufinden wie die Botschaften ihre diplomatischen Aktivitäten im Ausnahmezustand organisiert haben, über die Maßnahmen der Regierung zur Unterstützung und Rettung der Wirtschaft, sowie wie sie die private Zeit in Zeiten der Pandemie verbringen und was sie zuerst machen werden, nachdem die aktuelle Situation beendet ist.

Wir sprachen für Diplomacy and Commerce Austria mit S.E. Kairat Sarybay, Botschafter von der Republik Kasachstan in der Republik Österreich.

Wie hat sich die aktuelle Situation auf die Aktivitäten der Botschaft ausgewirkt?

Die vergangenen Wochen waren für alle von uns eine Herausforderung und eine Belastungsprobe. Die Grenzschließungen und die in vielen Ländern eingeführten Beschränkungen haben unseren Lebensstil einschneidend verändert und die Mobilität der Menschen auf der ganzen Welt deutlich reduziert.

In der derzeit schwierigen epidemiologischen Situation befolgt die kasachische Botschaft die Regeln der österreichischen Regierung, insbesondere in den Bereichen Heimarbeit und soziale Distanzierung. Wir empfangen unsere Besucher unter Einsatz von Informationstechnologien kontaktlos. Persönlicher Parteienverkehr ist nur in Notfällen mit Terminvereinbarung möglich.

Für Mitarbeiter, deren Anwesenheit vor Ort erforderlich ist, haben wir rotierende Arbeitszeiten eingerichtet. Dadurch konnten wir die gleichzeitige Anwesenheit von Personal sowie die Aufenthaltsdauer im Büro beschränken. Selbstverständlich bleiben wir über E-Mail und andere digitale Werkzeuge miteinander verbunden.

Unter den neuen Gegebenheiten wurde die Online-Kommunikation zu einer effektiven Möglichkeit, den Kontakt aufrechtzuerhalten und Informationen mit Vertretern der österreichischen Behörden sowie des diplomatischen Corps und der internationalen Organisationen in Wien auszutauschen. Beratungen und Geschäftsverhandlungen finden ebenfalls online statt.

Unser Hauptaugenmerk liegt auf der Unterstützung unserer Landsleute, die in schwierige Lebenslagen geraten sind. So haben wir eine Hotline für alle konsularischen Angelegenheiten eingerichtet. Über Videochat werden die jeweiligen Problemsituationen geklärt.

Zu einem wichtigen Bestandteil wurden auch die kulturellen Veranstaltungen, die von der Botschaft in den sozialen Netzwerken organisiert werden. So haben sich, als Zeichen unserer Solidarität mit der österreichischen Bevölkerung angesichts der Ausgangsbeschränkungen sowie als Unterstützung für Ärzte und andere Menschen, die täglich in Bereichen der Lebensversorgung arbeiten, auf Initiative kasachischer Diplomaten eine Reihe kasachischer Musiker, die in Europa studieren, an der Aktion „One World: Together At Home“ beteiligt und Online-Konzerte von zu Hause aus organisiert. Diese kulturelle Aktion wurde in der breiten Bevölkerung dankbar aufgenommen.

Wie kommentieren Sie die Maßnahmen der österreichischen und kasachischen Regierung zur Unterstützung und Rettung der Wirtschaft?

Das Virus wirkt sich negativ auf die Weltwirtschaft aus, es erschwert den Handel mit Waren und Dienstleistungen, es sorgt für Volatilität auf den globalen Finanz- und Rohstoffmärkten und birgt Desintegrationsrisiken für die globale und regionale Wirtschaft in sich. Wir verfolgen aufmerksam, welche Maßnahmen die österreichische Regierung zur Stabilisierung der Wirtschaft und zur Unterstützung des Industrie- und Handelssektors sowie der KMU setzt.

Insgesamt betrachtet haben sich die Maßnahmen der österreichischen Regierung als wirksam erwiesen und haben zu einer Verbesserung der Situation geführt.

Kasachstan konnte ebenfalls beachtliche Erfolge bei der Eindämmung der Epidemie erzielen. Nach Einschätzung der Vertreter der WHO sind die Erfolge größtenteils auf die von der Regierung rechtzeitig eingeführten Ausgangsbeschränkungen sowie auf ein hohes Maß der Selbstisolierung in der Bevölkerung zurückzuführen.

Während der Ausgangsbeschränkungen hat die Regierung noch nie dagewesene Maßnahmen gesetzt, um der Bevölkerung und insbesondere den sozial schwachen Schichten zu helfen. Den Unternehmen werden vergünstigte Finanzmittel bereitgestellt, um die wirtschaftlichen Folgen abzufedern und den Arbeitsmarkt zu stabilisieren.

Kasachstan ist außerdem bestrebt, seine Nachbarländer wirtschaftlich zu unterstützen. Im Auftrag des kasachischen Präsidenten Kassym-Jomart Tokayev wurde beschlossen, Hilfslieferungen an Tadschikistan und Kirgisistan zu leisten, indem jedem der beiden Länder jeweils 5.000 Tonnen kasachisches Mehl im Gesamtwert von mehr als 3 Mio. USD bereitgestellt werden. Der Beschluss wurde aufgrund offizieller Anfragen der kirgisischen und tadschikischen Seiten gefasst, um die Stabilität der Lebensmittelversorgung aufrechtzuerhalten.

Wie verbringen Sie Ihre private Zeit in Zeiten der Pandemie?

Den Hauptteil meiner Zeit verbringe ich mit meiner Arbeit in der Botschaft. Diese umfasst eine Vielzahl an organisatorischen und administrativen Angelegenheiten.  Da ich großer Fan aktiver Sportarten bin, unternehme ich in meiner Freizeit Radtouren unter Einhaltung des erforderlichen Sicherheitsabstands. Glücklicherweise bietet Wien dafür die entsprechende Infrastruktur und schöne Radrouten. Aufgrund der Ausgangsbeschränkungen war ich in der Lage, meinen jüngsten Sohn persönlich im Fußball zu trainieren und meine bescheidenen Kochkünste wieder aufzufrischen. Meine Familie freut sich! Das Wichtigste für mich ist, bei meiner Familie zu sein, mit meinen Kindern Zeit zu verbringen und an ihrer Erziehung teilzunehmen. Meine Frau und ich haben viel Spaß an Videochats mit den Enkeln, die in Kasachstan leben.

Was werden Sie zuerst machen, nachdem die aktuelle Situation beendet ist?

Sobald sich die epidemiologische Lage stabilisiert hat, würden wir gerne eine Reihe geplanter Vorhaben fortsetzen, die wir aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus noch nicht umsetzen konnten. Unter anderem geht es um die Abhaltung des Kasachisch-Österreichischen Forums der Regionen in Wien. Außerdem hoffen wir, dass im zweiten Halbjahr im Rahmen des Memorandums über eine Städtepartnerschaft der Besuch der Delegation der Stadt Almaty nach Graz stattfinden kann. Eine Reihe von Projekten befasst sich mit Programmen in den Bereichen Wirtschaft und Kultur. In diesem Zusammenhang warte ich mit Vorfreude auf die Möglichkeit, noch einige Reisen in die österreichischen Bundesländer zu unternehmen.

Wir glauben außerdem, dass es uns in diesem Jahr gelingen wird, die ordentlichen Sitzungen der Zwischenstaatlichen Regierungskommission und des Wirtschaftsrats in Kasachstan zu organisieren, welche ein wichtiges Instrument der wirtschaftlichen Zusammenarbeit darstellen.

Im Bereich der multilateralen Partnerschaft haben wir vor, die Beratungen im Rahmen des kasachischen Vorsitzes in der Gruppe der Kernmaterial-Lieferländer – einer angesehenen Vereinigung, welche den internationalen Handel mit Nukleartechnologien und Kernmaterial reglementiert – zu intensivieren.

Kasachstan, das bei der Versammlung der Internationalen Anti-Korruptionsakademie derzeit den Vorsitz führt, plant, den Vorsitz an Südkorea zu übergeben. Die 9. Sitzung der Versammlung, die im Juni im südkoreanischen Busan hätte stattfinden sollen, wurde jetzt auf Ende November verschoben.

Die Sitzungen des Ständigen Rats der OSZE werden im Online-Modus weitergeführt. Besonderes Augenmerk legen wir dabei auf das Vorantreiben des kasachischen Vorstoßes zur Schaffung eines Thematischen Centers der OSZE für nachhaltige Vernetzung.

Eine der bedeutendsten Maßnahmen der UNO, welche aufgrund des Virus verschoben wurden, ist die Jubiläumssitzung der Überprüfungskonferenz des Atomwaffensperrvertrags, bei welcher wir der Weltgemeinschaft das einzigartige Projekt der Schaffung eines Depots für niedrig angereichertes Uran der Internationalen Atomenergie-Organisation, welches in Kasachstan realisiert wurde, präsentieren möchten.

Die Umsetzung der beschriebenen Maßnahmen soll dazu dienen, den Ausbau beiderseitig vorteilhafter bilateraler und multilateraler Beziehungen zu fördern.

(Svetlana Nenadovic-Glusac)

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