S.E. Donatas Kušlys, Botschafter der Republik Litauen: Die litauische Wirtschaft ist offen und von Exporten abhängig

Die Covid-19-Pandemie hat zu beispiellosen Herausforderungen bei den laufenden operativen Aktivitäten der globalen Industrie, dem Handel und der Wirtschaft geführt. Die Weltwirtschaft wurde für mehrere Monate gezwungen, auf die Notbremse zu treten.

S.E. Donatas Kušlys, Botschafter der Republik Litauen in der Republik Österreich

Durch die restriktiven Maßnahmen und den Lockdown,den die Regierungen rund um den Globus durchgeführt haben, wurde die Wirtschaft in einen Winterschlaf versetzt.

Vorsichtig wird die Wirtschaft in jedem Land wieder hochgefahren. Alle Wirtschaftszweige sind von der Krise – ausgelöst vom Coronavirus – davon betroffen, ohne Ausnahme.

Wie hat sich die Krise auf die Weltwirtschaft ausgewirkt und wie sind die Prognosen für die Zukunft? Darüber haben wir mit Wirtschaftsexperten und Vertretern der ausländischen Wirtschaftskammern in Wien, sowie HandelsvertreterInnen aus Handelsabteilungen und Wirtschaftsdelegierten aus der Diplomatie in Österreich gesprochen.

Wir sprachen für Diplomacy and Commerce Austria mit S.E. Donatas Kušlys, Botschafter der Republik Litauen inder Republik Österreich.

 

Wie schätzen Sie die Lage ein, stehen wir vor einer ernsthaften Krise, die lange andauern wird, oder vor einer raschen Erholung der Wirtschaft?

Diese Krise ist außergewöhnlich, weil sie die ganze Welt getroffen hat. Obwohl wir derzeit nur vorläufige Statistiken über die Auswirkungen der Krise auf die Volkswirtschaften im ersten Quartal und im April 2020 haben, zeigen diese Zahlen bereits, dass es in vielen Ländern einen starken wirtschaftlichen Abschwung gegeben hat. Ich glaube, dass verschiedene Wirtschaftssektoren die Krise unterschiedlich überstehen werden. Es gibt Gewinner, zum Beispiel Informationstechnologie, Onlinehandel und Pharmazie, aber auch Verlierer, wie Luftfahrt, Tourismus und Produktion, die mit den Auswirkungen möglicherweise noch lange zu kämpfen haben werden.

 Inwieweit haben die staatlichen Maßnahmen Ihres Landes bisher dazu beigetragen, die negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft durch die COVID-19-Pandemie zu verringern?

Die litauische Regierung hat ein Maßnahmenpaket vorgelegt, mit dem die negativen Auswirkungen der Krise auf die Wirtschaft verringert werden sollen. Die wichtigsten geplanten Maßnahmen zielen darauf ab, das Beschäftigungs- und Einkommensniveau aufrechtzuerhalten, die Liquidität der Unternehmen zu sichern und die Wirtschaft anzukurbeln. Für alle diese Maßnahmen sind 4,5 Milliarden Euro vorgesehen. Darüber hinaus will die litauische Regierung langfristige Investitionsanreize schaffen und stellt dafür bis Ende 2021 6,3 Milliarden Euro bereit.

Die Umsetzung der von der Regierung genehmigten Maßnahmen ist konsequent, und die Auszahlungen nehmen stetig zu. Es ist jedoch noch zu früh, um beurteilen zu können, welche tatsächlichen Auswirkungen die Maßnahmen auf die Wirtschaft haben werden, und ich denke, dass wir erst im Herbst ein realistischeres Bild sehen werden.

 

Der Wirtschaftssektor öffnet und erholt sich ebenfalls langsam. Wie schätzen Sie die Entwicklung in Ihrem Land ein?

Die litauische Wirtschaft ist offen und von Exporten abhängig. Schätzungen zufolge dürften die Exporte von Lebensmitteln, chemischen Produkten, Möbeln sowie Transport-, Reise- und Unternehmensdienstleistungen am stärksten zurückgehen.

Die aktuelle Situation zeigt jedoch, dass Unternehmen in Litauen viel besser auf diese Krise vorbereitet sind als im Jahr 2008 während der Finanzkrise. Beispielsweise gingen die Indikatoren für Unternehmen des litauischen Industriesektors im April zurück, aber dieser Rückgang war nicht sehr drastisch (er fiel auf das Niveau von 2018 zurück). Die ersten Anzeichen einer Stabilisierung der litauischen Wirtschaft kann man schon jetzt sehen, weil der Stromverbrauch steigt und die Arbeitslosenzahl stabil bleibt.

Experten auf der ganzen Welt machen verschiedene Ankündigungen über die zukünftigen Szenarien dieser Pandemie, von der Behauptung, dass im Herbst eine zweite Welle erwartet wird, bis zu der Behauptung, dass es überhaupt keine zweite Welle geben wird.  Bereiten Sie sich auf beide Szenarien vor und was passiert, wenn das, was alle befürchten, ein neuer Lockdown erneut eintritt? Wie ist Ihre Meinung, wurde das Weltwirtschaft noch ein Lockdown überleben?

Ich bin sicher, dass alle Länder der Welt alles daransetzen, die zweite Welle zu vermeiden. Wenn sich die Wirtschaft erholt, sollten wir nicht vergessen, dass das Virus nicht verschwunden ist und es noch keinen Impfstoff gibt. Ich denke, wir sollten wachsam bleiben, Sicherheitsmaßnahmen einhalten und hoffen, dass eine zweite Welle ausbleibt.

 Svetlana Nenadovic-Glusac