Gao Xingle, Leiter der Wirtschafts – und Handelsabteilung der Botschaft der Volksrepublik China: Chinas Wirtschaft erholt sich von den Auswirkungen der Pandemie stabil

Die Covid-19-Pandemie hat zu beispiellosen Herausforderungen bei den laufenden operativen Aktivitäten der globalen Industrie, dem Handel und der Wirtschaft geführt. Die Weltwirtschaft wurde für mehrere Monate gezwungen, auf die Notbremse zu treten.

Gao Xingle, Botschaftsrat und Leiter der Wirtschafts- und Handelsabteilung der Botschaft der Volksrepublik China in der Republik Österreich

Durch die restriktiven Maßnahmen und den Lockdown,den die Regierungen rund um den Globus durchgeführt haben, wurde die Wirtschaft in einen Winterschlaf versetzt.

Vorsichtig wird die Wirtschaft in jedem Land wieder hochgefahren. Alle Wirtschaftszweige  sind von der Krise – ausgelöst vom Coronavirus – davon betroffen, ohne Ausnahme.

Wie hat sich die Krise auf die Weltwirtschaft ausgewirkt und wie sind die Prognosen für die Zukunft? Darüber haben wir mit Wirtschaftsexperten und Vertretern der ausländischen Wirtschaftskammern in Wien, sowie HandelsvertreterInnen aus Handelsabteilungen und Wirtschaftsdelegierten aus der Diplomatie in Österreich gesprochen.

Wir sprachen für Diplomacy and Commerce Austria mit Gao Xingle, Botschaftsrat und Leiter der Wirtschafts- und Handelsabteilung der Botschaft der Volksrepublik China in der Republik Österreich.

Wie schätzen Sie die Lage ein, stehen wir vor einer ernsthaften Krise,  die lange andauern wird, oder vor einer raschen Erholung der Wirtschaft? 

Die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie haben die der Finanzkrise von 2008 bereits übertroffen und die Weltwirtschaft in eine neue Rezession gestürztWie lange die Rezession dauern wird und ob die Erholung V-, U- oder L-förmig sein wird, hängt von drei Faktoren ab: Erstens, ob die Pandemie in den einzelnen Länder wirksam eingedämmt werden kannBisher sind mehr als 10 Millionen Menschen infiziertWährend die Entwicklung in meisten Ländern in Asien und Europa unter Kontrolle ist, sind Nordamerika und Lateinamerika zu Epizentren geworden. Und die Situation in Afrika darf man gar nicht unterschätzen. Viele Länder haben Maßnahmen ergriffen, um ihre Wirtschaft wieder hochzufahren, aber in einigen Ländern werden jeden Tag immer noch zigtausende Menschen neu infiziert. Zweitensob die globale Wertschöpfungskette und Supply Chain möglichst bald wiederhergestellt werden können.

Die Pandemie hat dazu geführt, dass Unternehmen ihre Produktion einstellten und freier Güter-, Kapital- und Personentransfers nur schwierig zustandekommen. Im zweiten Quartal lag der WTO-Barometerindex für den Warenhandel mit 87.6 auf einem Rekordtiefder globale Warenhandel wird laut UNCTAD gegenüber dem ersten Quartal um 26.9% sinken.

Last but not least, ob man an der liberalen Weltwirtschaftsordnung festhalten und den jeweiligen Markt weiter öffnen wirdHistorische Erfahrungen zeigen leider, dass Unilateralismus und Protektionismus immer mit dem Ausbruch einer Krise einhergehen. Diesmal gibt es auch keine Ausnahme: es hat viele Verschwörungstheorien gegeben und zahlreiche neue Handels- und Investitionshemmnisse wurden eingeführt. Das globale Geschäftsumfeld hat sich verschlechtert.

 

Inwieweit haben die staatlichen Maßnahmen Ihres Landes bisher dazu beigetragen, die negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft durch die COVID-19-Pandemie zu verringern?

Die chinesische Wirtschaft konnte nicht verschont bleiben und schrumpfte im ersten Quartal um 6.8%. Die Regierung hat proaktive Maßnahmen umgesetzt, die bei Kreditgarantie, Eigenkapitalfinanzierung, Fixkosten-Reduzierung etc. unterstützen. Heuer wird z.B. das Haushaltsdefizit 1 Billion RMB-Yuan größer als ursprünglich geplant sein, Sonderstaatsanleihen zur Bekämpfung der Pandemie in Höhe von 1 Billion RMB-Yuan werden emittiert und Unternehmen können von zusätzlicher Steuer- und Abgabenentlastung von 2.5 Billionen RMB-Yuan profitieren. Gleichzeitig steht die Stabilisierung des Arbeitsmarktes im Mittelpunkt. Innerhalb von zwei Jahren werden mehr als 35 Millionen Menschen eine Berufsqualifikationsausbildung absolvieren. Unternehmen, die neue Arbeitsplätze schaffen, und Privatpersonen, die sich selbstständig machen, werden extra dafür belohnt. All diese Maßnahmen haben bisher gute Effekte gezeigt. Im Mai erreichte der Einzelhandel knapp das Vorjahresniveau. Die Industrie und die Dienstleistungsbranchen erzielten ein Wachstum von 4.4%. Der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe blieb drei Monate in Folge über der 50-Punkte-Schwelle. Der Online-Verkauf legte von Januar bis Mai um 11.5% zuund sein Anteil am gesamten Einzelhandel stieg um 11.5% auf 24.3% binnen Jahresfrist. Mit Stolz darf ich sagen, Chinas Wirtschaft erholt sich stabil von den Auswirkungen der Pandemie.

Foto: China National Tourist Office

Der Wirtschaftssektor öffnet und erholt sich ebenfalls langsam. Wie schätzen Sie die Entwicklung in Ihrem Land ein, und wie auf die Globale ebene? 

Trotz riesigen Herausforderungen im In- und Ausland sind die Konsequezen für China in der kontrollierbaren Spanne. Wir werden an der bisherig bewährten Politik, nämlich wirtschaftliche Ankurbelung unter strengen Präventions- und Kontrollmaßnahmen, festhalten. Dank Abbau von rückständigen Industriekapazitäten und Finanzkonsolidierung seit Jahren hat China strukturelle Probleme weitgehend abgebaut, was eine rasche Erholung ermöglicht. Als zweitgrößte Volkswirtschaft und Land mit 1,4 Milliarden Endverbrauchern ist Chinas Wirtschaft stark belastbar. Die Wettbewerbsfähigkeit in High-Tech-Bereichen wie Hochgeschwindigkeitszügen, 5G und KI hat zugenommen, und der riesige Markt bietet einen breiten Raum für deren Anwendungen und Vermarktung. Als Verfechter des Multilateralismus setzt sich China stets dafür ein, den Markt weiter zu öffnen. Vor kurzem wurde die Negativliste 2020 für ausländische Investitionen veröffentlicht, die den Öffnungsprozess in Schlüsselbereichen weiter beschleunigt hat. Daß China in kurzer Zeit die Pandemie erfolgreich eingedämmt hat und seine Wirtschaft allmählich normalisiert, beweist das gute Krisenmanagement und erhöht gleichzeitig die Attraktivität für ausländische Unternehmen. Laut dem World Economic Outlook vom IWF wird China die einzige Großvolkswirtschaft sein, die im Jahr 2020 noch ein Wachstum erreichen wird. Ich bin ganz gespannt darauf, ob das 2. Quartal uns eine positive Überraschung bringen kann.

Foto: welt-atlas.de

Experten auf der ganzen Welt machen verschiedene Ankündigungen über die zukünftigen Szenarien dieser Pandemie, von der Behauptung, dass im Herbst eine zweite Welle erwartet wird, bis zu der Behauptung, dass es überhaupt keine zweite Welle geben wird.  Bereiten Sie sich auf beide Szenarien vor und was passiert, wenn das, was alle befürchten, ein neuer Lockdown erneut eintritt?   Wird es zusätzliche Maßnahmen geben?

Die Pandemie ist bis dato nicht ganz gebannt worden. Ob eine zweite Wellkommt oder nicht, hängt davon ab, wie gut Maßnahmen der jeweiligen Länder funktionieren und inwieweit die internationale Zusammenarbeit läuft, denn das Virus kennt keine Staatsgrenze. China tut sein Bestes, um die zweite Welle zu vermeiden. Was die derzeitige Situation in China anbelangt, ist der Ausbruch einer zweiten Welle eher unwahrscheinlich. Aber wir gehen auf Nummer sicher und bereiten uns auch auf dieses schlimme Szenarium vor. Für die Frage, ob die Weltwirtschaft einen zweiten Lockdown überleben kann, können wir einen Rückblick auf Krisen wie Eboladie Influenza H1N1 A oder die internationale Finanzkrise 2009 werfen. Mit hohen Preisen hat man gegen die Auswirkungen gekämpft. Wir können davon vieles lernen. Ich glaube, entscheidend ist es, eine Ausgewogenheit zwischen Augenblicksinteressen und langfristigen Interessen zu schaffen. Die Wirtschaft sollte erst hochgefahren werden, wenn kein richtiges Bedenken für die Gesundheit und das Leben des Volkes besteht. Ausserdem muß man nationale Interessen und internationale Verpflichtungen als eine Ganzheit betrachtenWir Menschheit leben in einer Schicksalsgemeinschaft. Zusammenhalt und Zusammenarbeit sind die beste Waffe zur Überwindung der PandemieMan sollte sich nicht darauf konzentrieren, andere Länder zu beschuldigen, sondern professionellen Empfehlungen der WHO folgendie Pandemie im eigenen Land eindämmen, und die internationale Koordination und Zusammenarbeit stärkenImpfstoffe und Medikamente sind internationale öffentliche Güter und sollten für alle Länder zugänglich und leistbar sein. Schließlich bedeutet es, anderen in der Krise zu helfen, sich selbst zu helfen. Nur so können wir das Virus endgültig besiegen und die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft minimieren.

 Svetlana Nenadovic-Glusac

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