Traditioneller Neujahrsempfang für das Diplomatische Korps bei Bundespräsident Van der Bellen (D&ENG)

Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Corps im Zeremoniensaal der Wiener Hofburg / (Foto: Peter Lechner/HBF),

Am Mittwoch, 21. Januar, lud der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen internationale Diplomaten und Diplomatinnen zum traditionellen Neujahrsempfang für das Diplomatische Korps in die Hofburg ein.

Nach einer langen, persönlichen Begrüßung jedes Diplomaten durch Präsident Van der Bellen folgte der offizielle Teil, in dem Präsident Van der Bellen die Versammelten im wunderschönen Zeremoniensaal der Hofburg begrüßte.

Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen anlässlich des Neujahrsempfangs für das Diplomatische Corps 21. Jänner 2026/Zeremoniensaal, Hofburg

Hochwürdigster Apostolischer Nuntius,

vielen Dank für Ihre freundlichen Neujahrswünsche im Namen des Diplomatischen Corps!

Frau Ministerin Meinl-Reisinger, Herr Staatssekretär Schellhorn,

Herr Generalsekretär Botschafter Marschik,

Exzellenzen, meine Damen und Herren,

willkommen in der Hofburg, willkommen in einem neuen Jahr und zu einem neuen Neujahrsempfang.

So angenehm es ist, Sie alle zu treffen – und das ist es ohne Zweifel –, muss ich gestehen, dass sich diese Übung, die Ereignisse der vergangenen zwölf Monate zu rekapitulieren und einen Blick auf die kommenden zwölf zu werfen, in den letzten Jahren etwas verändert hat.

Ich wünschte, ich könnte sagen, zum Besseren. Im vergangenen Jahr habe ich davon gesprochen, dass wir in „interessanten Zeiten“ leben. Nun, das tun wir immer noch.

Ich würde sogar sagen, dass das Einzige, was sich nicht geändert hat, die Analyse ist, dass wir in Zeiten des Wandels leben. In Zeiten eines regelrechten Wirbelsturms des Wandels.

Der russische Angriffskrieg ist noch brutaler geworden, mit Angreifern, die täglich unerbittlich Menschen töten und gezielt zivile Infrastruktur angreifen, insbesondere energiebezogene Einrichtungen, wodurch große Teile der ukrainischen Zivilbevölkerung Kälte und Dunkelheit ausgesetzt sind.

In Israel und Gaza besteht ein äußerst fragiles Übereinkommen, das die Rückkehr der Geiseln nach Hause und die Übergabe der Toten an ihre Familien ermöglicht hat.

Die Menschen in Gaza leiden nicht mehr unter den massiven militärischen Angriffen und haben einen besseren Zugang zu humanitärer Hilfe.

Doch viele leben weiterhin unter äußerst prekären Bedingungen, und ich hoffe sehr auf eine rasche Verbesserung ihrer Lage sowie auf eine schnelle und vollständige Umsetzung des gesamten Friedensplans.

Der Krieg im Sudan, der seit April 2023 andauert, hat sich intensiviert und verursacht enormes Leid unter der Zivilbevölkerung, ohne dass ein Ende absehbar ist.

Die schreckliche und brutale Unterdrückung von Protesten im Iran, bei der tausende Menschen getötet wurden, weil sie ein demokratisches Recht ausgeübt haben: friedlich auf die Straße zu gehen und zu protestieren.

Und dann, Anfang Januar, die US-Intervention in Venezuela und die Festnahme des – aus unserer Sicht illegitimen – Präsidenten, womit das Völkerrecht verletzt wurde.

Und die unverhohlenen Versuche eines einstigen Freundes, Grönland zu übernehmen, ein Gebiet, das Teil Dänemarks ist, eines engen Verbündeten sowie verlässlichen NATO- und EU-Mitgliedstaates.

Es gibt so viele weitere Krisen und Konflikte, zu viele, um sie hier alle zu behandeln, obwohl jeder einzelne es verdienen würde, im Detail besprochen zu werden. Doch so groß diese Krisen auch sind und so sehr sie Anlass zur Sorge geben, gibt es ein noch größeres und noch beunruhigenderes Bild:

Die Rückkehr der Machtpolitik in vielen Teilen der Welt. Das Denken in Einflusszonen, in Hemisphären, innerhalb derer Großmächte es für legitim halten, Gewalt und Zwang gegen kleinere Staaten anzuwenden. Die Untergrabung der regelbasierten Weltordnung und des Multilateralismus.

Exzellenzen, an dieser Stelle spreche ich normalerweise über die Notwendigkeit, dass Europa zusammenhält, seine Kräfte bündelt und durch Einheit stark wird.

Das ist mir ein besonderes Anliegen. Europa darf sich nicht spalten lassen, weder durch Kräfte von innen noch von außen.

Europa braucht einen Europa-Patriotismus, ein Gefühl – eine Gewissheit – des Zusammengehörens, des gegenseitigen Einstehens.

Als positives Beispiel möchte ich hier die jüngsten Stellungnahmen Dänemarks und mehrerer seiner europäischen Partner erwähnen, die unterstreichen, dass allein Dänemark und Grönland über die Zukunft Grönlands entscheiden und ihre volle Solidarität bekräftigen.

Das war eine schnelle, klare und unmissverständliche Reaktion. In Davos werden wir in wenigen Stunden mehr darüber hören, wohin die Reise geht.

Meine Damen und Herren, in diesem Raum sind viele Vertreterinnen und Vertreter von Ländern außerhalb Europas anwesend.

Deshalb möchte ich auch eine Botschaft betonen, die über Europa hinausgeht.

Diese Botschaft lautet: an die hohe Kunst der Diplomatie zu glauben.

Das bedeutet: miteinander zu sprechen. Einander zuzuhören.

Die Kunst der Verhandlung über alles andere zu stellen: über Machtpolitik, über das Militärische, über den Einsatz von Zöllen als politisches Instrument. Mehr auf das „Reden mit sanfter Stimme“ zu setzen und weniger auf das „Tragen eines großen Knüppels“, um das berühmte Zitat von US Präsident Roosevelt zu paraphrasieren.

Und das Prinzip der Zusammenarbeit innerhalb einer Gemeinschaft von Nationen hochzuhalten. Ein Prinzip, das über kurzfristigen Machtgewinnen und Interessen stehen muss.

Denn am Ende profitieren alle Länder, große wie kleine, von einer Welt des Friedens, des Wohlstands und der Gerechtigkeit. Und alle Länder verlieren, wenn sie von einer Welt der Instabilität und Armut umgeben sind. Nicht nur Europa muss zusammenhalten.

Alle unsere Länder, die an diese Werte glauben, müssen sich zusammenschließen und für sie eintreten. Wir müssen zu einer neuen „Achse des Guten“ werden, um einen weiteren berühmten Begriff eines US-Präsidenten aufzugreifen.

Exzellenzen, dies ist meine Neujahrsbotschaft an Sie – als Diplomatinnen und Diplomaten, die auf diesem Gebiet Profis sind.

Im vergangenen Jahr haben wir 80 Jahre Gründung der Vereinten Nationen gefeiert, 70 Jahre Beitritt Österreichs zur UNO, 50 Jahre Gründung der OSZE, 30 Jahre Beitritt Österreichs zur EU.

Ein guter Moment also, um daran zu erinnern, dass wir bereits diese Foren und Prozesse haben, um zusammenzukommen und Dinge zu klären.

Ja, viele ihrer Instrumente wirken im heutigen spannungsgeladenen Umfeld veraltet und schwach. Und ja, Kritik an diesen Foren und Prozessen ist absolut legitim. 5 Doch die Welt wäre ohne sie ein deutlich schlechterer Ort.

Gerade wegen all der Herausforderungen, die vor uns liegen, brauchen wir Strukturen, die eine Grundlage für Regeln und eine internationale Ordnung schaffen. Strukturen, die uns zur Zusammenarbeit anregen.

Die ein System ermöglichen, in dem nicht nur Größe und militärische Macht zählen, sondern in dem wir alle gleiche Rechte genießen – auch kleinere Länder wie mein Land, Österreich.

Und Österreich ist stolz darauf, Gastland einiger dieser Strukturen zu sein: der Vereinten Nationen, der OSZE und anderer.

Und wir sind auch stolz darauf, Kandidat für den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu sein, mit Wahlen im Juni dieses Jahres. Wir kandidieren, weil wir daran glauben, dass Multilateralismus diese Welt zu einem besseren Ort macht.

Und dass kleine Länder, neutrale Länder, Länder ohne große militärische oder wirtschaftliche Schlagkraft auf der Weltbühne etwas bewirken können, wenn sie sich auf einen entsprechenden Rahmen stützen können.

Exzellenzen!

Am Beginn dieses neuen Jahrs 2026, mit all den Prüfungen, die es mit sich bringen mag – bringen wird –, sollten wir uns daran erinnern, dass wir – Politikerinnen, Politiker, Diplomatinnen und Diplomaten – die Werkzeuge in der Hand haben, um das Fundament, die Grundlage für bessere Zeiten zu legen.

Ich weiß, dass Sie im vergangenen Jahr hart dafür gearbeitet haben.

Ich weiß, dass Sie auch in diesem neuen Jahr hart dafür arbeiten werden.

Vielen Dank für Ihren Einsatz und für Ihren festen Glauben an eine Zukunft des Dialogs, der Rechtsstaatlichkeit, der Gerechtigkeit und des Friedens.

Und danke, dass Sie heute hier sind. Ich wünsche Ihnen und Ihren Angehörigen ein glückliches und erfolgreiches Neues Jahr 2026!

English: 

Traditional New Year’s reception for the diplomatic corps with Federal President Van der Bellen

 

On Wednesday, January 21, Austrian Federal President Alexander Van der Bellen invited international diplomats to the traditional New Year’s reception for the diplomatic corps at the Hofburg Palace.

Following a lengthy, personal greeting to each diplomat by President Van der Bellen, the official part of the event took place, during which President Van der Bellen welcomed those assembled in the Hofburg’s magnificent Ceremonial Hall.

 

Alexander Van der Bellen: »We need structures that create a basis for rules and an international order. That nudge us into cooperation«

Address by Austrian Federal President Alexander Van der Bellen on the occasion of the New Year’s Reception for the Diplomatic Corps.

 

Most Reverend Apostolic Nuncio, 

thank you for your kind New Year’s wishes on behalf of the Diplomatic Corps!

 

Madam Minister Meinl-Reisinger,

Secretary of State Schellhorn,

Secretary General Ambassador Marschik,

Excellencies,

Ladies and Gentlemen,

welcome to the Hofburg, welcome to a New Year, and a new New-Year’s-reception.

 

As pleasant as it is meeting all of you – and it definitely is – I have to confess that this exercise of recapitulating the events of the preceding twelve months and looking out to the next twelve has changed somewhat in the last years.

I wish I could say that it has changed for the better.

Last year, I talked about how we are living in “interesting times”.

Well, we still do that. I might even say that the only thing that has not changed is the analysis that we are living in times of change.

Of a real whirlwind of change.

The Russian war of aggression has grown even more brutal, with attackers relentlessly killing people every day, and deliberately targeting civilian infrastructure, especially energy related facilities, leaving big parts of the Ukrainian civilian population in the cold and dark.

In Israel and Gaza, an extremely fragile agreement is in place having allowed for the hostages to return home and the bodies of the dead to be handed over to their families.

The people in Gaza have been given a much-needed break from the massive military strikes and better access to humanitarian aid.

But many are still living under extremely precarious conditions, and I very much hope for a swift improvement of their situation as well as for a rapid and complete implementation of the entire Peace Plan.

The war in Sudan, ongoing since April 2023, has intensified, causing immense suffering among the civilians, with no end in sight.

The terrible and brutal oppression of protests in Iran with thousands killed for exercising a democratic right: to take to the streets and protest peacefully.

And then, beginning of January, the US intervention in Venezuela, and the capture of the – in our eyes illegitimate – president, by that violating international law.

And the blatant attempts by a once considered friend to take over Greenland, a territory which is part of Denmark, a close ally and a trusted NATO- and EU Member State.

There are so many other crises and conflicts, too many to cover them here, although each and every one of them would merit to be discussed in detail.

But even though these crises are big enough to be worried about them there is an even bigger and even more worrisome picture.

Which is the classical return of power politics in so many parts of the world. The thinking in spheres of influence, in hemispheres, inside of which big powers consider it legitimate to use force and coercion against smaller States.

The undermining of the rules-based world order and multilateralism.

Excellencies, at this point, I normally speak  about the need for Europe to stick together,  to join forces and become strong through unity.

This is something that is dear to my heart. Europe must not allow itself to be divided, neither by forces from within nor from without.

Europe needs a European patriotism, a feeling – a certainty – of belonging together, of rooting for each other.

As a positive example, let me mention here the recent statements issued by Denmark and several of its European partners, underlining that it is for Denmark and Greenland, and them only, to decide Greenlands future and reiterating their full solidarity.

This was a quick, clear and unequivocal reaction.

In Davos, in a few hours, we will hear more about where this is going.

 

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Ladies and Gentlemen,

here in this room, there are many representatives of countries from outside of Europe. Which is why I want to underline also a message that goes beyond Europe.

The message is: to believe in the high art of diplomacy. Which means:

To talk to each other. To listen to each other.

To place the art of negotiation above everything else, above power politics, above the art of the military, above the use of tariffs as a political tool.

To resort more to “speaking softly” and less to “carrying a big stick”, to paraphrase the famous saying by US President Roosevelt.

And to uphold the principle of cooperation inside a community of nations. A principle that must outweigh short-term power gains and interests.

Because in the end, all countries, big or small, profit from a world of peace, prosperity and justice. And all countries lose if they are surrounded by a world of instability and poverty.

Not only Europeans have to stick together. All our countries who believe in these values must unite and fight for them. We must become a new “axis of goodness” to paraphrase another famous term coined by a US president.

 

Excellencies,

this is my New Year’s message to you – as diplomats, who are professionals in this area.

Last year, we celebrated 80 years of the foundation of the United Nations. 70 years of Austria’s accession to the UN, 50 years since the foundation of the OSCE, 30 years of Austria joining the EU.

A good moment thus to remember that we already have forums and processes to come together and sort things out.

Yes, many of their tools seem outdated and weak in today’s demanding environment. And yes, criticizing these forums and processes is absolutely legitimate.

But the world would be much worse off without them. Precisely because of all the challenges ahead of us, we need structures that create a basis for rules and an international order.

“That nudge us into cooperation”

That allow for a system where it is not only size and military power that matters, but where we all enjoy equal rights, even smaller countries such as my country, Austria.

And Austria is proud to be host country of some of these structures: Of the United Nations, the OSCE and others. And we are also proud to be a candidate for the UN Security Council with elections in June this year.

We are a candidate because this is what we believe in: That multilateralism makes this world a better place.

And that small countries, neutral countries, countries without much military or economic clout are able to make a difference on the world stage, if they can rely on a framework to do that.

Excellencies!

As we start this new Year 2026, with all the tests that it may – will – bring, let us remember that we – politicians, diplomats – are the ones who have the tools at our hands to lay the foundation, the basis for better times to come.

I know, that this is what you have worked hard for last year.

I know, that this is what you will work hard for in this new year.

Thank you for giving your best and for believing in a future of dialogue, rule of law, justice and peace.

And thank you for being here today.

I wish you and your loved ones a happy and prosperous New Year 2026!

 

Fotos: Peter Lechner/HBF